Bergdoktor im ZDF: Was den modernen Heimatfilm so erfolgreich macht

Heile Welt, heile Quote? Wieso der „Bergdoktor“ als moderner Heimatfilm so gut funktioniert

 

Seine Welt sind die Berge: Sieht man solche Bilder, kann man den "Bergdoktor" schnell als Heile-Welt-Serie abstempeln. Doch eine genauere Betrachtung eröffnet einen anderen Blick.

 

Kaum eine TV-Serie in Deutschland ist so erfolgreich wie „Der Bergdoktor“ – und das seit 18 Jahren. Wie schafft eine Arztserie vor Alpenkulisse das trotz des Heimatkitsch-Vorwurfs? Ein Besuch am Wilden Kaiser, längst Sehnsuchtsort für Fans.

Going. Hans Sigl lehnt im Bademantel an dem urigen Bauernhaus auf dem Gruberhof. Der Schauspieler blickt nachdenklich in die Ferne, über die Terrasse, hinauf auf den Wilden Kaiser, auf dem der Schnee in der Sonne glitzert. Klar, es ist Kaiserwetter. Ein Mann, die Natur und seine Gedanken, so wird es wohl später im Film aussehen. Das Kamerateam, das um ihn herumwuselt und die Idylle stört, wird dann nicht mehr zu sehen sein. Genauso wenig wie die Drohne, die vor seinem Gesicht entlang fliegt und jene beeindruckenden Fernsehbilder vom Kaisergebirge produziert, das in dieser Produktion eine Hauptrolle spielt.

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Die Filmcrew dreht gerade die neuesten Folgen einer Serie, die es in Deutschland abseits aller modernen Netflix-Produktionen und international fortentwickelter Fernsehgewohnheiten zu einer Art Institution geschafft hat. „Der Bergdoktor“ startet Anfang Januar in die nunmehr 19. Staffel (ab 1. Januar in der Mediathek, ab 8. Januar immer donnerstags zur Primetime im ZDF). Auch im 19. Jahr wieder dabei: Hans Sigl als Dr. Martin Gruber, den viele der Zuschauerinnen und Zuschauer seit Staffel eins lieben. Seit 2008 diagnostiziert und behandelt der hierzulande wohl populärste Fernseharzt vor der beeindruckenden Alpenkulisse.

Ein Mann allein mit seinen Gedanken? So sieht es vielleicht im Film aus, beim Dreh in der Alpenkulisse aber ist ein großes Team im Einsatz.

„Bergdoktor“ hält mit Krimis mit

Der „Bergdoktor“, der von 1992 bis 1997 schon mal in anderer Besetzung bei Sat.1 lief, schafft es, im krimivernarrten Deutschland quotentechnisch halbwegs mit Mord und Totschlag mitzuhalten. In der bislang letzten Staffel erreichten die Folgen linear durchschnittlich 5,6 Millionen Zuschauende und einen Marktanteil von 20,6 Prozent. In der Mediathek erzielten die Videos bis einschließlich 14. Dezember im Schnitt zusätzlich 3,15 Millionen Views pro Folge – ein Rekord. Zum Vergleich: Der „Tatort“ hatte linear 2025 bis zum selben Datum zwar durchschnittlich 8,56 Millionen Zuschauende und einen starken Marktanteil von 30,5 Prozent, in der Mediathek wurden aber „nur” 1,1 Millionen Aufrufe pro Film gezählt.

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Dass Menschen mittlerweile eigens wegen der Serie in die Wilder-Kaiser-Region reisen, überrascht kaum noch. Die Frage ist nur: Wie macht die Sendung das? Warum trifft ein moderner Heimatfilm über einen Arzt und seine Familie, den viele für vorhersehbar und irgendwie kitschig halten, offenbar einen Nerv? Sind die Deutschen nostalgische Alpenromantiker?

Für mich ist der „Bergdoktor” ein progressiver Heimatfilm.

Hans Sigl, “Bergdoktor”-Hauptdarsteller

„Für mich ist der ‚Bergdoktor‘ ein progressiver Heimatfilm“, sagt Sigl, auf der Terrasse vom Gruberhof sitzend, wo damals alles begann und auch heute gedreht wird. Die „Urkulisse“ nennt er diesen Ort, es ist längst ein Sehnsuchtsort für viele Menschen geworden.

Wie der „Bergdoktor“ den Zeitgeist aufgreift

Heimatfilm, ein Begriff, der an Fünfzigerjahre und Heile-Welt-Versprechen erinnert. Klar, die „Bergdoktor“-Landschaft passt dazu. Aber Sigl grenzt ab: „Der nicht progressive Heimatfilm würde die modernen Lebensrealitäten ausblenden. Das tun wir nicht.“ Es gab schon mal eine Folge mit einem trans Mädchen, mit homosexuellen Bergsteigern oder einer drohenden Abschiebung. „Wir versuchen, die Diversität unserer Gesellschaft auch in unseren Filmen darzustellen – soweit es möglich ist“, sagt der 56-Jährige. Ein moderner Heimatfilm also.

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Die Terrasse vor dem Gruberhof, wo im "Bergdoktor" dessen Familie lebt, bietet einen Rundumblick auf das Kaisergebirge.

Das Setting setzt dabei Grenzen, Ellmau ist eben nicht Neukölln. „Es ist natürlich in einem Berlin-,Tatort‘ etwas einfacher, eine diverse Gesellschaft zu zeigen, weil in Berlin mehr los ist als in einem Bergdorf in Tirol“, sagt Sigl. Da müsse man Diversität schon etwas geschickter einbauen. Und sie findet auch nicht in jeder Folge Raum.

Der österreichische Schauspieler hat sich mittlerweile umgezogen, trägt statt des Bademantels einen beigefarbenden Mantel und Sonnenbrille. Ein langer Drehtag liegt hinter ihm. „Am Anfang sollte Martin Gruber noch mit Lederhose hier auftauchen“, erzählt er, „ich habe dann mit dem Regisseur besprochen, dass wir das lassen.“ Der Arzt trägt Jeans statt Lederhose, als Intro läuft „Patience“ von Take That statt Alphornklängen.

Hans Sigl sitzt nach einem langen Drehtag auf der Terasse am "Bergdoktor"-Gruberhof - die "Urkulisse" der Serie nennt er diesen Ort.

Der „Bergdoktor” ist kein Halbgott in Weiß

Sigls Arztfigur ist kein Halbgott in Weiß, sondern jemand, der zuhört, erklärt, hinterherläuft, wenn Patienten sich verweigern. Ein Idealbild, das weniger mit medizinischer Realität als mit gesellschaftlicher Sehnsucht zu tun hat. Und doch gehört der TV-Job Arzt seit Jahrzehnten zu den fast schon archaischen TV-Berufen, zu denen die Zuschauer aufschauen. Wie übrigens auch der TV-Ermittler.