Bergdoktor Hans Sigl: „Die Leute wollen immer eine Lösung – und die gibt es bei uns“

Herr Sigl, die 19. Staffel von „Der Bergdoktor“ startet im Januar: Am Ende der letzten Staffel hat Martin Gruber seine Verlobte Karin geheiratet. Wie geht denn das weiter? Bitte spoilern Sie ein bisschen.

HANS SIGL (LACHT): Das mit dem Spoilern ist immer ein bisschen schwierig. Ich würde ja gerne schon die ganze Staffel vorstellen, zumal es einige Überraschungen geben wird, mit denen keiner rechnet, aber das ist vertraglich schwierig. Ich kann nur sagen, es war eine sehr stabile Staffel für den Martin Gruber, und es war für mich nach 19 Jahren auch eine neue Erfahrung, ihn mit dem Ring am Finger zu spielen. Und wer jetzt mutmaßt, dass gleich wieder etwas passieren wird, dem entgegne ich nur so viel: Das wird eine tolle Geschichte zwischen den beiden, die sich sehr ergänzen. Die gehen gemeinsam durch dick und dünn – und da kommt einiges.

Man hätte ja nicht mehr gedacht, dass der Bergdoktor noch in den Hafen der Ehe einläuft, oder?

SIGL: Wir sind ja bekannt dafür, dass dann etwas Überraschendes passiert, wenn alle glauben, es geschieht nichts. Die Produzenten und wir haben uns dann gemeinsam überlegt, was machen wir? Es war an der Zeit, dem Charakter auch mal eine andere Möglichkeit zu geben. Das hat die Fans ein wenig gespalten: Die einen finden es gut, die anderen weniger. Aber genau das ist es, was den Reiz beim Bergdoktor ausmacht. Die Zuschauer sind immer mit vollem Herzen dabei.

Bekommen Sie solche Diskussionen unter den Fans selbst eigentlich immer mit?

SIGL: Natürlich. Es gab ja auch bei uns mal den sogenannten ,Brinkmann-Effekt‘, der so heißt, weil der Schauspieler Klaus Jürgen Wussow in seiner Rolle als Chefarzt der Schwarzwaldklinik von den Fans offenbar tatsächlich um medizinischen Rat gebeten wurde, und den auch gegeben haben soll. Das mache ich nicht. Tatsache ist, dass die Fans sehr an den Backstorys interessiert sind. Wir haben sogar eine Doku darüber gemacht, die in der Mediathek zu sehen ist.

Hätten Sie sich anfangs vorstellen können, dass diese Serie sich zu so einem stabilen Quotenriesen entwickelt?

SIGL: Niemals! Zu Beginn hat mir der Produzent einen Vierjahresvertrag angeboten, was in unserer Branche ohnehin unüblich ist. Da war ich schon überrascht. Jetzt gibt es Überlegungen für die 20. Staffel. Ja, es waren wirklich tolle Jahre, wir haben dabei die Zeit völlig übersehen.

Wodurch unterscheidet sich der Bergdoktor Ihrer Meinung nach von anderen, nicht so erfolgreichen TV-Arztformaten?

SiglJa, erst mal durch mich! (er lacht) Spaß…

Selbstverständlich. Gibt es aber noch andere Aspekte?

SIGL: Also im Ernst – das große Glück ist das Setting mit der traumhaften Landschaft und dem Arzt mit der Familie. Wir haben auch die Rolle des klassischen Arztes, also den Gott in Weiß, etwas gebrochen. Wir erzählen hochemotionale Geschichten mit brillanten Gastkollegen. Zum anderen ist es ein großes Glück, dass wir immer zu Jahresbeginn mit einer neuen Staffel kommen. Da warten die Menschen schon darauf. So sind wir über die Jahre zu guten Bekannten der Menschen geworden. Inzwischen kommen die Fans aus mehreren Generationen und manche sagen sogar, sie hätten sich wegen des Bergdoktors dafür entschieden, Medizin zu studieren. Da fällt dir nichts mehr ein!

Wird es nicht immer schwieriger, immer neue Geschichten zu erfinden, die dann nicht ins Absurde abdriften?

SIGL: Ach, was soll ich sagen? Da sollte man eher bei den Krimiautoren nachfragen. Bei uns ist es doch so, dass wir jedes Krankheitsbild immer wieder in einem neuen Umfeld präsentieren. Es gibt zwei Hauptmotive in der Literatur: Liebe und Angst, daneben Hass, Wut, Krankheit – das gehört alles zusammen. Deswegen fällt uns immer wieder etwas ein. Die Krankheit ist ja meist auch nur Vehikel einer Geschichte, in der es um Menschen geht, die mit einer neuen Situation umgehen müssen. Da erzählen wir emotionale Geschichten, und das könnten wir auch noch 100 Jahre machen. Denn die Leute wollen, gerade, wenn es Ihnen nicht gut geht, immer eine Lösung. Und die gibt es bei uns – immer!

In einer inzwischen sehr schwierigen, fast dystopischen Welt ist es wahrscheinlich auch wichtig, Momente zu schaffen, die Hoffnung verbreiten.

SIGL: Ja, so ist das. Bei uns fallen die Leute in solche Geschichten. Das ist es, was die Leute wollen, Geschichten hören. Der Übertrag ist sogar, dass in meine Lesungen inzwischen auch viele Fans vom Bergdoktor kommen, obwohl ich da aus Büchern von Thomas Mann oder Jules Verne lese. Da kommen Leute auf mich zu, die sagen hinterher begeistert: Jetzt habe ich erstmals etwas von Thomas Mann gehört. Ich habe auch schon erlebt, dass eine Abi-Klasse beim Fan-Tag war und die Schülerinnen und Schüler erzählt haben, dass sie die Fälle beim Bergdoktor im Ethikunterricht diskutiert hätten. Wir haben auch schon erlebt, dass Leben gerettet wurde, weil Zuschauer durch beim Bergdoktor vorgestellten Diagnosen zum Arzt gegangen sind, wenn sie die Symptome an sich selbst bemerkt haben. Da gibt es krasse Geschichten.

Wie viel Mitspracherecht haben Sie an den Drehbüchern?

SIGL: Wir entwickeln sie gemeinsam mit den Autoren. Da niemand den Gruber so gut kennt wie ich, sage ich eben, was mir dazu einfällt. Und manchmal habe ich dann auch gute Ideen.

Sie spielen die Rolle des Martin Gruber seit 19 Jahren. Ist es Ihnen schon passiert, dass Sie nachts aufgewacht sind und dachten, Sie seien der Gruber?

SIGL (LACHT): Nein! Ich habe auch noch nie als Martin Gruber geträumt. Vom Set und den Dreharbeiten allerdings träume ich öfter.

Herr Sigl, jetzt die Frage aller Fragen: Können Sie ein Leben ohne Bergdoktor vorstellen?

SIGL: Ja, klar. Es ist, auch wenn es unromantisch klingt, letztendlich ein Job. Ich bin Schauspieler. Das ist zwar ein wunderbarer Job und ich darf ein halbes Jahr in der schönsten Gegend der Welt tolle Geschichten erzählen, aber es bleibt mein Beruf. Wir sind erfolgreich, das ist alles schön. Aber es gab ein Leben davor, es gibt ein Leben mit und es wird ein Leben danach geben.

Wie ist das eigentlich bei Ihnen persönlich: Männer gehen bekanntlich nicht gerne zum Arzt. Wie ist das bei Ihnen?

SIGL: Ich muss aktuell nicht zum Arzt, denn ich bin sehr gesund. Ich achte aber auf Vorsorgetermine. Was ich nicht verstehe, ist, warum Vorsorge für viele Männer so ein Problem darstellt, bei Frauen ist das doch auch keines. Darum kann ich nur jedem raten: Männer ab 40, geht zum Arzt, geht zur Vorsorge! Das muss sein!

Sie haben mal gesagt, Sie seien ein bekennender Hypochonder. War das ernst gemeint oder nur ein Gag?

SIGL: Das war nur ein Gag. Wenn ich Hypochonder wäre, würde ich seit 19 Jahren durchdrehen, weil ich mir dann vorstellen würde, ich hätte all diese Krankheiten aus den Filmen. Nein, ich bin da glücklicherweise sehr stabil. Ich trage da einen gewissen Pragmatismus in mir.

Sie können also auch Blut sehen?

SIGL: Ja, da bin ich schmerzfrei, das macht mir tatsächlich gar nichts. Ich war auch schon mal für eine Doku bei einer siebenstündigen Herz-OP dabei. Hinterher haben sie mir eine Urkunde ausgestellt, dass sich sowohl psychisch als auch physisch das Beisein bei dieser Operation gut überstanden habe.

Haben Sie eigentlich in all den Jahren inzwischen so viel Ahnung von Medizin, dass Sie sich selbst behandeln und eigene Diagnosen mithilfe des Internets stellen?

SIGL: Auf keinen Fall Doktor Google! Ich bin nicht in der Situation, dass ich das tun müsste. Aber das ist wie beim Auto, mit dem ich ja auch in die Werkstatt fahre: Im Zweifel vertraue ich dem Fachpersonal.

Wenn Sie zu Ärzten als Patient gehen. Wie verhalten diese sich Ihnen gegenüber? Ganz normal oder sind die irgendwie eingeschüchtert?

SIGL: Ich habe viele Freunde, die Ärzte sind. Und dann ist es so eine Mischung aus Fachsimpeln und Diskutieren. Die Mediziner wollen beispielsweise auch wissen, warum wir bestimmte Krankheiten in den Filmen auf eine bestimmte Art und Weise erzählt haben.

Wie geht es Ihnen als Hans Sigl eigentlich, wenn Sie sich die maroden Gesundheitssysteme der meisten Länder in Europa anschauen?

SIGL: Was soll ich sagen? Ich würde eine Kampagne beginnen, in der ich Jungärzte bitten würde, aufs Land zu gehen, auch, wenn man da vielleicht nicht so viel wie in der Stadt verdient. Da gibt es Nachholbedarf. Ich hätte auch gerne mal mit Karl Lauterbach gequatscht, als er noch im Amt war. Insgesamt kann man sagen, der Zustand des Gesundheitssystems ist nicht gut. Viele Menschen sprechen mich ja auch an und sagen: ,So einen Arzt wie Sie bräuchten wir!‘ Aber so ist das, der Gruber hat halt Zeit und ein normaler Arzt hat täglich viele Dutzend Patientinnen und Patienten. Neulich habe ich mit einem Mediziner gesprochen, der sagte, er habe schon auch mal bis zu 200 Patienten am Tag in der Praxis, die er untersuchen muss. Das ist eigentlich unvorstellbar.

Das ist doch Fließbandarbeit, da bleibt die Empathie, die man als Patient erwarten darf, völlig auf der Strecke, oder?

SIGL: Ja, klar. In der Fiktion ist das leicht darzustellen, aber in der Wirklichkeit befinden sich Ärzte oft am Rande der menschlichen Machbarkeit. Ich glaube, alle, die in dem Beruf arbeiten, geben ihr Bestes. Und ich hoffe, dass die Politik künftig auch ihr Bestes gibt, damit das zu besseren Umständen führt.

Es gibt ja nicht zuletzt darum so wenig Ärzte, weil man für die Zulassung zum Medizinstudium einen extrem guten Numerus Clausus braucht. Aber der beste Schüler muss nicht unbedingt der beste Arzt sein, oder?

Sigl: Klar ist das so. Aber ich bin kein Politikberater. Diese deutsche Eigenheit des Numerus Clausus ist längst hinfällig. Da müssten Reformen her!

Privat leben Sie mit Ihrer Familie am Ammersee in Bayern. Man kann nachlesen, dass Sie ein naturverbundener Mensch sind. Wo erholen Sie sich, wenn Ihnen die Dinge über den Kopf zu wachsen drohen?

SIGL: Ich gehe in den Wald, gehe schwimmen oder Golf spielen. Ich brauche dann Ruhe, frische Luft und Land. Ich gehe gerne am See oder in den Bergen spazieren.

Und Sie sind Mitbegründer des Projekts „Hörfreund“, das Entspannungstechniken zugänglich machen soll. Wie darf man das genau verstehen?

SIGL: Das haben der medizinische Fachberater Pablo Hagemeyer und ich zusammen angestoßen. Wir haben geführte Mediations- und Entspannungsreisen produziert. Da haben wir tolles Feedback bekommen, beispielsweise von Kindern mit Autismus, Schlaganfallpatienten, Reha-Patienten. Da geht es um die Möglichkeit zu lernen, den Blick auf sich selbst zu richten. Kann ich nur empfehlen, kann man sich auch digital herunterladen. Das ist eine echte Möglichkeit, sich vom Weihnachtsstress zu erholen.

Weil wir gerade bei Weihnachten sind. Haben Sie einen Wunsch für das neue Jahr?

SIGL: Ich habe keine Wünsche, nur einige private Ziele. Wünschen würde ich mir, dass jeder seinem Gegenüber respektvoll begegnet und den anderen so anspricht, wie er selbst gerne angesprochen werden will. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit im Umgang miteinander, das wäre schön.